Thierry konnte immer noch nicht glauben, wie schnell sich seine Lebensumstände ändern würden. Noch vor kurzem hielt er sich bedeckt, versteckte sich in schäbigen Seitenstraßen und hatte Kontakt mit den Ärmsten der Armen. Er fürchtete schon, ewig ein solches Leben zu führen - auch wenn er den Nervenkitzel dahinter genoss.
Und nun plötzlich war er nicht mehr der gesuchte Mörder Thierry, sondern Senator Barras. Er hatte zwar noch immer keine Ahnung, was aus diesem vermaledeiten Urteil geworden war oder wie dieser Umstand trotz seines grandios gescheiterten Gesprächs bei der Kaiserin überhaupt eintreten konnte, aber er war sich sicher, dass Duroc dort seine Finger im Spiel hatte.
Alleine dadurch wurde ihm dieser Triumph wieder madig gemacht. Doch andererseits: Einem geschenkten Gaul...
Also ließ er zur Feier des Tages seine Haare wieder kürzen. Schulterlänge geziemte sich seiner Meinung nach nicht für eine Person in so einem Amt. Auch der Bart durfte wieder seine alte Form einnehmen. Selbstverständlich durfte ein ausgiebiger Besuch beim Herrenausstatter nicht fehlen.
Senator Barras... Endlich wieder Einfluss haben, ohne Verantwortung zu tragen. Das war nach seinem Geschmack. Auch wenn ihn das deutlich mehr zu Durocs Spielball machen könnte als vorher - er konnte sich ohne Alias, ohne Verkleidung blicken lassen.
Natürlich tuschelten die Leute. Nicht nur wussten viele noch von dem Prozess und dem damals ausgesprochenen Urteil - das, so hörte er diverse Gerüchte, offenbar aufgehoben wurde? -, sondern natürlich wurde auch seine Beziehung.... Affäre... Partnerschaft... Beziehung?... zu der Abgeordneten Cabarrus nun noch stärker ausgeschlachtet als zuvor.
Therese... Er würde sie vor einer anstehenden Entscheidung im Senat definitiv konsultieren müssen. Doch zunächst galt es, sein neues Anwesen zu beziehen. Der Palais de Feutre... Hier einmal zu wohnen hatte er sich nicht vorstellen können.
Es waren längst sämtlich übriggebliebenen Habseligkeiten eingeräumt worden. Viel war es nicht. Es reicht gerade einmal, um anderthalb Zimmer des üppigen Gebäudes zu füllen. Doch auch das würde sich schon mit der Zeit ändern. Wichtig waren die repräsentativen Möbel, Lampen und Verzierungen. Ein paar Gemälde würden den Wänden bestimmt auch gut tun. Auch wenn sein Bild von Künstlern seit der Vernissage noch drastischer gesunken war als vorher, war er immer noch der Meinung, dass man mit Gemälden gut angeben könnte. Das hatte dieser Marat selbst beeindruckend vorgemacht.
Senator...
Nachdem er die großen Türen öffnete und sich in die gewaltige Eingangshalle begab - in der noch kein WLAN installiert wurde, wie er traurig feststellte -, erblickte er eine junge, durchaus attraktive Dame. War die Dienstmädchenuniform hier Brauch? Kam sie von einem Kostümfest? Auf jeden Fall weckte sie seine Neugierde und er tippte ihr freundlich auf die Schulter. Noch ehe sie sich umdrehen konnte, sagte er scherzend:
"Entschuldigung, Sie haben da eine Stelle übersehen."