Dieser eine Kuss drückte durchaus mehr aus, als nur reine Leidenschaft oder gar Lust. Es war ein Kuss der Verbundenheit, der so viel bedeutete wie: <Ich habe Angst um Dich! … Ich brauche Dich … Ich ... > Ohne Worte und doch verständlich für denjenigen, dem dieser innige Kuss im besonderen galt. Für einen kurzen Moment kehrte so etwas wie eine vertraute Normalität in ihre Beziehung ein, ein Gefühl der Geborgenheit, während sie einander umarmten und küssten. Wobei ab heute nichts mehr so wäre wie zu vor, nachdem sie gemeinsam durch das "Tor zur Hölle" geschritten waren. So in etwa kam es Therese vor und jeder Gedanke an das dort unten Erlebte ließ augenblicklich einen kalten Schauer über ihren Rücken laufen. Zum Glück waren die Eindrücke hier oben, an der frischen Luft und mit Blick zum Himmel nicht mehr ganz so schauerhaft. Gut möglich, dass der Horror in der Nacht zurück kam, in Form von Albträumen und von daher war Therese sehr froh, dass Thierry den Rest das Tages und die ganze Nacht zusammen bleiben wollte.
Zuvor galt es jedoch den Zugang zu sichern und dies kostete sehr viel Überwindung. Allein der Anblick der Luke, wissend wohin diese führte, ließ augenblicklich die Schreckensbilder wieder aufflammen. Doch irgendwie schafften sie es gemeinsam, den Eingang wieder zu versiegeln und als sie zurück im Hof waren, atmete Therese erst einmal tief und erleichtert durch. Das Grauen war wieder unter Verschluss, doch damit war das Verbrechen nicht aus der Welt und nun mussten sie überlegen, wie es weiter ginge.
Im Gegensatz zu Thierry hatte Therese allerdings weniger Bedenken, dass man ihnen wegen der von ihnen hinterlassenen Spuren das Verbrechen anlasten könnte. Schließlich waren die Morde sicher nicht alle an einem Tag begangen worden, genauso wenig wie der Ausbau dieses Horrorkabinetts. <Niemals wird man das alles auf uns zurück führen können, da bin ich mir sicher. >
"Um ehrlich zu sein, mache ich mir weniger Sorgen um die Beweislage. Glaubst Du ernsthaft, dass man uns all diese Morde anhängen könnte? Ich glaub das würde nicht einmal Durot schaffen, nachdem wie Marat sich hier eingerichtet hat. Streng genommen sind wir ja noch nicht einmal hier eingebrochen, da Marat uns die Schlüssel ja freiwillig überlassen hat."
Gab Therese deshalb zu bedenken, während sie sich erschöpft auf einem Mauervorsprung nieder ließ und ihre Hand nach Thierry ausstreckte, damit er sich neben sie setzte. Im sitzen würde das Nachdenken sicher leichter fallen und außerdem hätte Therese nichts dagegen, wenn Thierry sie dabei in den Arm nehmen würde.
"Wir können immer behaupten, dass wir den Schlüssel von Du Lac, dem Maler erhalten haben und nicht von Marat. Niemand außer uns weiß doch bislang, dass Du Lac in Wahrheit Marat ist, oder wer auch immer diese Bestie auch sein mag. Und es ist ja nicht einmal gelogen, dass wir nichts von diesem bestialischen Verbrechen geahnt haben. Wir kamen einfach hierher, um uns die Kunstwerke von Du Lac anzusehen, weswegen er uns freundlicherweise seine Schlüssel überließ."
So würde Therese es jederzeit schildern, ohne dabei rot zu werden oder gar ein schlechtes Gewissen zu haben. Warum auch?
"Ich mache mir eher Gedanken, dass man uns vorwerfen könnte wir würden die Polizeiarbeit gefährden, wenn wir das Verbrechen zu spät melden. Aber ich verstehe gut, dass du niemandem traust. Warum aber ausgerechnet dem obersten Richter Deponet? Du meinst er könnte sein Urteil revidiert haben? Hm … Ich weiß es leider nicht und ich weiß auch nicht, ob wir ausgerechnet ihm trauen sollten. Was, wenn er etwas mit dem Orden zu tun hat oder gar mit Durot zusammen arbeitet? … Aber gut, irgendwem müssen wir das Verbrechen ja melden. … Mir wäre zwar lieber, wir würden die Polizei rufen aber versuchen wir es bei Deponet. Also dann …"<Wem können wir schon trauen? Fouche? Durot? … Deponet? ...Anielle? … Der Kaiserin? … im Grunde wohl niemandem.>
Mit leicht zittrigen Fingern nahm Therese ihr Diensthandy und wählte die darin gespeicherte Amtsnummer des Richters. Ihr war zwar nicht ganz wohl dabei, aber letztendlich mussten sie handeln. Ihr Daumen verharrte noch einige Sekunden über dem Anwahlbutton, doch wenn Thierry sie nicht zurück hielte, würde in ein paar Sekunden das Telefon von Richter Deponet klingeln …