"Oh, Monsieur Bar- äh Picard, Sie verstehen schon, in der Kunst ist so ziemlich alles erlaubt. Und ich hatte erwartet, dass Sie entspannter sind, schließlich sieht man an Ihrem Gesicht deutlich die Spuren des intimen Umgangs mit dem schöneren Geblüt der Menschheit. Wie sich diese feine Form der Beschäftigung gut auf die Haut ausübt, ist nunmehr unverkennbar. Ein geübter Beobachter wie es ein politisch interessierter Mann wie Sie sein sollte, müsste solche Zeichen doch gleich im Spiegel erkennen, n'est-ce pas?"
Er betrachtet ein wenig länger das Gesicht des Besagten, die anderen Punkte in Haltung und Schritt lässt er unerwähnt; doch er würde diesen Mann nicht zeichnen wollen, zu unüberlegt sein Verhalten, zu wenig subtil seine Äußerungen. Warum die Prinzessin ihn nicht gleich mit einem Dolche erstach, war ein Rätsel. Die Falschheit stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben und der künstliche Schalk war abstoßend. Nun, Marat war nicht die Prinzessin, also durfte . . . Picard noch wenig weiter seine Floskeln verbreiten. Was man heutzutage alles in die Politik ließ.
Mit einem feinen Lächeln wandte er sich an die Prinzessin, dem Bild warf er einen vielsagenden Blick zwischendurch zu.
"Wie Madame sicher bemerkt haben-" und er bemerkt mit verborgenen Wohlwollen, wie die Anrede ihren schlecht funktionierenden Panzer durchstach - "sind die Feinheiten der Malerei sehr subtil und die Expertise rar gesäht. Nur solch ehrbare und aufmerksame Beobachter wie Ihr und ich werden die Verfärbungen des benutzten Materials bemerkt haben, auf dem diese Kopie gezeichnet wurde. Ein Material, das - wie wir beide als Kenner der Kunst wissen - zur Zeit der Entstehung nicht zu erhalten gewesen wäre. Und dann noch diese Farbe hier, das Zinnoberot ist viel kräftiger als dass es der richtige Künstler hätte verwenden können. Aber nun, die anderen vier Fehler könnt Ihr ja aufzeigen, es steht mir fern, einer solchen Dame wie Euch hier den Rang abzulaufen."
Er hebt eine Augenbraue und seine schlaffen Züge straffen sich einen Augenblick, so als würde er eine Art Schleier lüften, wird sein Blick hart, bevor er den Eindruck mit einer linkischen Geste und einem kleinen Lächeln wieder glättet.
"Madame haben nicht umsonst jenen Eurer Begleiter geschickt, den ich auch zu zeichnen versucht war. Sein Kumpan ist nun, vielleicht professionell genug, seine Schwächen zu verstecken, so dass sie nicht jeder sieht, aber Ihr und ich wisst als aufmerksame Beobachter der Menschen, dass er langsamer darin ist, Zusammenhänge zu erkennen, Menschen zu durchschauen oder zu verstehen und sich nicht in der emotionalen Stabilität befindet, stringent zu agieren und zu reagieren. Seine Lebensführung ist flatterhaft, er ist wenig entspannt, regelmäßiger Verkehr obliegt ihm wegen Zweifeln an seiner Manneskraft nicht mehr."
Ob es der professionelle Rahmen ist oder die Worte des Sprechers, der Leibwächter hat ihn noch nicht trotz dieser beleidigenen, wenn auch zutreffenden Worte attackiert.
"Doch sehen wir uns noch einmal Euren anderen Begleiter an, der weiß, wie er sich zu verhalten hat und wo seine Grenzen sind und das Potential entwickelt, unscheinbar zu erscheinen, wenn es notwendig wird, Präsenz zu erklären, wo sie geboten ist, und Willen beweist, wo er gebraucht wird. Ihr seht es an den vier großen S: Statur, Silhouette, Schatten und Schein. Ihr seht es an den Augen und der Schärfe seines Blickes. Zudem kann er durch Eure Anwesenheit nicht abgelenkt werden und ich bin ihm sicher nicht interessant genug und auch zu alt. Ich schätze, ein gewisser Monsieur Barras würde eher seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zu schade, dass wir nun einen Monsieur Picard bei uns haben."
In einem albernen Schlendergang begibt er sich seitweits in Richtung eines anderen Bildes, wobei er scheinbar aus Ungeschicklichkeit oder allgemeiner künstlerischer Zerstreutheit einen anderen Photographen umrempelt und so dessen Chance auf Aufnahmen ein Ende setzt. Nach einer halbherzigen Entschuldigung, bei der seine Linke das Handgelenk des anderen wie ein Schraubstock abschnürt, lässt er den Kamerabediener davoneilen auf der Suche nach kaltem Wasser für seine armen Gelenke und dreht sich zur Prinzessin um.
"Nun, wollen wir zum nächsten Bild kommen? Oder wollt Ihr Monsieur Picard noch die restlichen Fehler dieser Zeichnung aufzeigen?"