In dieser bescheidenen Straße im Szeneviertel der Hauptstadt findet sich die noch dem breiten Publikum unbekannte, luftige und sonnige Dreizimmerwohnung des Monsieur Marat, Künstler in allen Bereichen des Leben, Menschenflüsterer und Liebhaber der schönen Oberflächen. Auf den ersten Blick verbirgt hinter der stabilen mit Stahl verstärkten Kiefertür nichts weiter als eine aufgeräumte, fein verzierte Wohnung, die von Geschmack und Kulturverliebtheit spricht. Lassen Sie sich einladen in ein Panorama des menschlichen Geistes. Der mit gemaserten hellem Holz gestaltete Flur, der hinter der Haustür diese mit Bad, Wohnzimmer und Arbeitsraum verbindet, zeigt an den Wänden gemalte Meisterwerke bekannter Künstler, die natürlich allesamt Kopien sein müssen, wenn sie auch äußerst gute sind, dafür, dass sie in einer einfacher Eingetumswohnung und nicht einer Villa eines Angebers hängen. Die Bilder sind offenbar nur für das private Interesse und nicht für Führungen gedacht. Ein wenig seltsam das, sie hängen da fast wie Trophäen an der Wand, so dreist, dass jemand sie sehen könnte, wenn denn nur hereinkommen würde. Sie springen einem fast ins Gesicht. Die Luft ist warm und trocken, die Bilder sind in kleine Glaskästen verpackt, wie man sie aus Museen kennt, in denen Kunst wertgeschätzt wird.
Der kurze Blick ins Bad - kaum Überraschungen, aber hier scheint auch diese Sorgfalt und Reinlichkeit zu herrschen. Vom Boden könnte man essen, so scheint es. Eine Wanne mit Dusche, in den Schränken Handtücher und Seifen aus Handproduktion, ein paar modernere Seifenmittel, ein wenig Haushaltschemie. Ein schmales Fenster zur Straße hin, allerdings derzeit verschlossen. Bei dieser Tristheit des Zimmer fällt wohl kaum jemand auf, dass die Wand des Hauses ein wenig dicker als die des Treppenhauses ist, nur so sieben Zentimeter. Doch sie ist auch lange nicht mehr angerührt worden, wohl zuletzt um sie zu mit weißen Kacheln zu bedecken.
Interessanter mag das Arbeitszimmer sein, mit Balkon zum Hinterhof. Es ist ein Paradies der Stoffbahnen, aus aller Herren Länder, in prächtigen Farben, mit und ohne Muster. In der Ecke eine Stafette, das Gemälde eines jungen Mädchens. Oh, nicht irgendeines Mädchens. Jeder kennt die junge Frau, zu dem dieses junge Mädchen wurde. Irgendwo mag dieses Bild noch hängen, doch gegen dieses Bild ist es sicher nur dilletantisches Erstlingswerk. Man mag glauben, das Mädchen mag gleich von der Leinwand herabsteigen. In de Schränken derweil die Werkzeuge eines Archivars, eines Zeichners, eines Handwerkers und eines Malers, eines Schlossers und eines Schreiners. Selbst geschreinert aus den besten Hölzern, mit manischer Detailliertheit und edlen Verzierungen gefertig, in diesem lichtdurchfluteten bunten Raum so jenseits fremder Augen. der Fußboden ist oft gereinigt und geputzt, das Holz durch die jahrelange Reinigung von Farbklecksen und Arbeitsrückständen trotz aller Politur und Pflege augebleicht. Der Hinterhof gespenstisch still, die Nachbarn sind schon lange verzogen, alle drei anderen angrenzenden Wohnungen leer, dunkel und verlassen. Ob ihre lauten Stimmen dereinst den Künstler aus seiner Konzentration gerissen haben mochten?
Lösen wir uns von diesem Gedanken und gehen wir zum Wohnzimmer, eingerichtet mit ähnlich edlen Möbeln, wenn auch wohl nicht aus eigener Fertigung. Es ist fast so, als hätte der Wohnungsbesitzer den Vergleich gesucht und die besten Möbelschreiner des Erdenkreises zur Gestaltung der Wohnung versammelt. Sicherlich wieder nur Kopien, aber die Vielzahl von Schränken, Bücherregalen und Stühlen, auf dem teuren chinopischen Teppich, sollte sich in Museen oder herrschaftlichen Häusern finden, um mit ihnen vor Publikum zu protzen, nicht in dieser stillen, hellen Wohnung. Die Decke ist mit Fresken verziert, so dass man fast den Eindruck einer seltsam geformten Kathedrale bekommen mag. Die Büchersammlung hinter den Gläsern der Schränke könnte sich auch in ehrbaren Bibliotheken sehen lassen, besonders die offenbar handschriftlichen Kopien irgendwelcher mittelalterlicher Originale aus der Anfangszeit Outremers. Dazu Reiseberichte aus der ganzen Welt und in den meisten international bekannten Sprachen.
Auf der anderen Seite des Wohnzimmers geht es in einen weiteren Flur - offenbar ist die Wohnung aus zwei kleineren zusammengesetzt worden - mit einem kleineren Bad, nur Dusche, zwei Schränke, Waschbecken und Klosett, ohne Fenster, aber mit einem modernen Lüfter, der großen hellen Küche, die aufgeräumt und sauber sowie gut im Kühlschrank mit frischem Obst und Gemüse ausgestattet ist. Es herrscht kein Mangel an Gewürzen und Abschmeckern, aber dafür an Fleisch und Fisch. Diese scheint der Bewohner nicht zu verspeisen, aus welchen Gründen auch immer. Am Kühlschrank hält ein einzelner Magnet einen Zettel fest, den wir nicht näher betrachten wollen. Nein, wir gehen zum letzten Zimmer - dem offenbar völlig leeren Schlafzimmer. Nun, es hätte das Schlafzimmer sein sollen, aber dieser Raum ist kahl, kalt und leer. Aber er riecht ein wenig . . . seltsam.